Leserecho zu unserer Neuerscheinung des Buches „Natur, Umwelt und Landschaft – Umweltgeschichte in Franken“

Alle reden über das Wetter – außer Historiker, könnte man meinen. Ist also das Wetter keinen historischen Wandlungen unterworfen, hat es das Leben vergangener Generationen nicht beeinflusst? Wir dürfen inzwischen der Geschichte des Schlagers einschreiben, dass eines der eingängigsten Lieder des Entertainers Rudi Carrell so einsetzte: „Wann wird´s mal wieder richtig Sommer?“ Vielleicht wäre ein Hamburger Kommunalpolitiker namens Helmut Schmidt ohne Hochwasserkatastrophe niemals Bundeskanzler geworden. Wetterunbilden wie Klimaschwankungen haben immer wieder Geschichte (mit)geschrieben. Neuerdings wissen wir, dass die 1430er Jahre einen einschneidenden Kälteeinbruch sahen, der nach einer Dekade schon wieder wettgemacht war. Länger dauerte die Kernphase der Kleinen Eiszeit seit den 1560er Jahren: Das Wetter wurde für mehrere Generationen (im Wortsinn) stürmisch, es war nasskalt, war menschenunfreundlich. In den 1430er Jahren gab es die ersten Hexenverfolgungen, die schlimmsten Kampagnen tobten zwischen 1560 und 1630 – in der Kernphase der Kleinen Eiszeit also. Angeblich zauberten die „Unholden“ Reif auf die Felder, beschworen sie Stürme herauf: ein Beispiel für außernaturwissenschaftliche Auswirkungen von Naturphänomenen. Der jetzt von der Fränkischen Arbeitsgemeinschaft vorgelegte Band über „Umweltgeschichte in Franken“ bietet viele andere Beispiele, denn: „Auch das hier näher untersuchte Franken war nicht sicher vor den Fernwirkungen großer Naturkatastrophen“ (S. 7). So wurde Nürnberg immer wieder von schlimmen Hochwassern heimgesucht, ein Rückblick von 1682 listet die Katastsrophenjahre auf: 1380, 1432, 1445, 1452, 1495, 1501, 1502, 1546, 1573, 1595, 1635, 1655, 1680. Die ebenfalls 1682 vorgelegte „Jaegerey und Forst-Ordnung“ der Grafschaft Oettingen-Oettingen handelt von „Windfaellen“ und „Schneebruch“ (S. 45). Halfen dagegen schon damals nur Nachhaltigkeit und Diversifizierung? Die „Wald- und Marckungs-Ordnung“ der Reichsstadt Schweinfurt jedenfalls proklamierte, es sei „der lieben Nachkommenschafft daran gelegen“, dass „die Waldungen … conserviret“ und nicht „verderblich damit umgegangen“ werde (S. 44). Mehrere Beiträge befassen sich mit konzeptionellen Problemen von „Naturschutz“. Wir lernen in diesem Zusammenhang, dass „Wildnis“ in der Moderne „zu einer Projektionsfläche für ästhetische und romantische Vorstellungen“ wurde (S. 119). Reiseaufzeichnungen des 15. bis 17. Jahrhunderts lehren (wie ich einmal zeigen konnte) ganz Anderes: „schön“ oder „lustig“ sind in ihnen nur gleichsam aufgeräumte Landschaften mit guter Verkehrsinfrastruktur. Wenn „Wildnis“ neuerdings aus ästhetischen und ökologischen (Biodiversität!) Gründen positiv besetzt ist, andererseits fossile Energieträger perhorresziert werden, resultieren hieraus – was der Band beispielsweise für den Spessart aufzeigt – konkurrierende Leitbilder von „Naturschutz“; so können für die einen nur Windräder von (horribile dictu: russischem) Erdgas unabhängig machen, während „Windparks“ für andere ein urbanes Kolonisationsprojekt auf Kosten der Landbewohner darstellen und eine Industrialisierung der Natur verschulden. An konkreten fränkischen Beispielen ansetzend, bietet der reich bebilderte, auf unterhaltsame Weise instruktive Band viel Stoff zum Weiterdenken. Prof. Dr. Axel Gotthard, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Neue Probleme – alte Lösungen? – Zu Wolfgang Wüsts (Hg.) FAG-Broschüre „Natur, Ökologie und Landschaft – Umweltgeschichte in Franken“

Die Geschichte als Lehrmeisterin heranzuziehen, gelingt Wolfgang Wüst in der Reihe der Veröffentlichungen der Fränkischen Arbeitsgemeinschaft immer wieder: ob mit dem Föderalismusmodell der Reichskreise im Alten Reich und der besonderen Ausprägung im Fränkischen Reichskreis, den aktuellen Überlegungen als Lösung für europäische Probleme, die jahrhundertealte Liebe zum Frankenwein oder, wie hier, die Wetter-, Klima- und Umweltprobleme von heute im Vergleich mit denen früherer Jahrhunderte, immer ist der Blick in die Geschichte interessant. Auch diese „Umweltgeschichte“ ist sehr umfassend und umfangreich in den verschiedensten Detailbereichen dokumentiert und bebildert. Die verschiedenen Themen, Inhalte und Regionen geben die „Vielfalt Frankens“ wieder. Trotz aller Wissenschaftlichkeit scheut sich Wolfgang Wüst nicht, da und dort politisch zu werden und seine Anmerkungen zu machen.

Die „geologisch-geografischen Grundlagen“ (S. 7) in Franken als Richtschnur zu nehmen, hilft für eine zeitlich weit nach hinten und nach vorne gerichtete Betrachtung. Sie sind vorgegeben und kaum zu verändern, wie das Beispiel Kanalbau zeigt. Interessant ist auch die Verwendung von jetztzeitigem Vokabular (z.B. Nachhaltigkeit) auf historische Gegebenheiten und Ereignisse – das macht Geschichte modern.

In den neun Beiträgen wird das Thema „Umgang mit Natur und Umwelt“ sehr ausgewogen für die Regionen Frankens und ihre Stärken und Besonderheiten behandelt: Oberfranken mit der Straßeninfrastruktur der Fränkischen Schweiz (Thomas J. Hagen) und dem Bemühen um die Umwelt durch die Verschönerungsvereine (Arnd Kluge); Unterfranken mit der Wald- und Holznutzung am Beispiel Stettfeld im Kleinen (Christoph Gunkel) und mit dem für Unterfranken, aber auch für ganz Franken Identität schaffenden Spessart im Großen (Gerrit Himmelsbach und Anika Magath); Mittelfranken und das markgräfliche Ansbach als „Schauplatz“ für die Darstellung der Jagd und Falknerei zur Repräsentation (Wolfgang Wüst) und die liebevolle und aktuelle Behandlung des Themas „Honig und Wachs“ (Sabine Wüst).

Meine besondere Aufmerksamkeit gehört dem Thema „Hochwasser“ im Beitrag „Städte unter Wasser“ (Wolfgang Wüst), zum einen wegen der Aktualität, zum anderen wegen eigener Bezüge zum Thema (Sturmflut an der Nordsee 1962, Hochwasser an der Rednitz und Überflutung im 20 Meter über der Rednitz liegenden Krottenbach). Da Wolfgang Wüst das Thema auf die Frühe Neuzeit fokussiert, wird das „Jahrtausend-Hochwasser“ um den Magdalenentag (22. Juli) des Jahres 1342 zwar erwähnt (S. 137), aber seine Bedeutung für Franken und ganz Mitteleuropa ist herausragend und auch für die aktuelle Klimadiskussion wichtig. Man stelle sich vor, das Tief einer aufgeheizten Adria Vb-Wetterlage entlädt sich über 4 Tage auf die ausgetrockneten Flächen um die Flüsse Rhein, Main, Donau, Mosel, Moldau, Elbe, Weser, Werra und Unstrut mit Tausenden von Toten!

(Siehe: Wikipedia: Magdalenenhochwasser, abgerufen am: 5.3.2022, 12:01 Uhr)

Dr. Manfred Scholz, Nürnberg